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40 Jahre nach der Großdemo: Frieden braucht Bewegung

Am 11. Oktober 1986 kamen 180.000 Menschen in den Hunsrück – was damals geschah und wie dieser Tag ablief

Am 11. Oktober 1986 kamen 180.000 Menschen in den Hunsrück. Vierzig Jahre danach: was damals geschah und wie dieser Tag ablief.

Was vor vierzig Jahren geschah

Die NATO ließ zwischen Bell und Hasselbach eine Basis für 96 atomar bestückte Marschflugkörper bauen, Deckname Pydna. Die Bevölkerung erfuhr davon nicht von ihrer Regierung, sondern durch Recherche. Aus Wut über das Verschweigen wurde eine Bewegung, die über Jahre Ostermärsche, Mahnwachen, Friedensgebete und Blockaden trug.

Sonderzug am Bahnhof Kastellaun am 11. Oktober 1986, Menschen schauen aus den Fenstern
Für die Demonstration wurde der Bahnhof Kastellaun wieder angefahren. Sonderzüge brachten Teilnehmer aus der ganzen Bundesrepublik bis fast vor die Haustür.

Am 11. Oktober 1986 lief sie zusammen: 180.000 Menschen aus der ganzen Bundesrepublik marschierten vom Bahnhof Kastellaun und von Hasselbach aus am Stationierungsgelände vorbei nach Bell. Es gab keine Festnahmen, keine Verletzten, keinen Wasserwerfer. 1987 unterschrieben Reagan und Gorbatschow den INF-Vertrag, 1993 war das Gelände leer.

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„40 Jahre Friedensdemonstration im Hunsrück“ – ein Rückblick auf den 11. Oktober 1986.

Blick über die Menschenmenge bei der Großdemonstration zwischen Hasselbach und Bell, 11. Oktober 1986
Zwischen Hasselbach und Bell, 11. Oktober 1986.
Gemaltes Plakat mit dem Schriftzug „Frieden braucht Bewegung“
„Frieden braucht Bewegung“ – der Satz, der die Hunsrücker Friedensbewegung bis heute begleitet.

96 Marschflugkörper waren beschlossene Sache, die Bunker standen, das Geld war ausgegeben. Dann kamen 180.000 Menschen, und 1987 war der INF-Vertrag unterschrieben. Frieden braucht Bewegung – das ist kein Spruch von einem Plakat, sondern eine Beobachtung.

Der 11. Oktober 1986

Im Februar 1986 beschloss die Aktionskonferenz der Friedensbewegung in Bonn-Beuel, die nächste bundesweite Großdemonstration im Hunsrück abzuhalten, bei Hasselbach und Bell. Vorgesehen waren auch „Aktionen zivilen Ungehorsams“ am Stationierungsgebiet. Genau darüber wurde bis zuletzt gestritten.

Teile des Koordinationsausschusses wollten blockieren, um dem Anliegen mehr Nachdruck zu geben. Die dort vertretenen Parteien waren dagegen: Bundestagswahlkampf, keine Bilder von unfriedlichen Aktionen. Die Mehrheit der Hunsrücker Friedensinitiativen war ebenfalls dagegen, aber aus einem anderen Grund. Im März 1986 waren bei den Protesten gegen die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf zwei Menschen ums Leben gekommen. Die Friedensinitiativen fürchteten, dass angekündigte Blockaden die eigene Bevölkerung abschrecken und das mühsam gewachsene Vertrauen im Dorf zerstören würden. Man einigte sich: ziviler Ungehorsam erst nach der Demonstration.

Ankommender Sonderzug in Kastellaun, am Gleis warten Menschen mit Fahnen
Ankunft in Kastellaun. Von hier aus ging der Zug am Stationierungsgelände vorbei nach Bell.

Am Tag selbst marschierten die Züge vom Bahnhof Kastellaun und von Hasselbach aus am Stationierungsgelände vorbei nach Bell. Die Veranstalter zählten 180.000 bis 200.000 Teilnehmer, die Polizei sprach am Abend von „über 100.000“. Nach Schätzungen der Friedensinitiativen waren rund 10.000 Hunsrücker dabei – in einer Region, in der ein 480-Seelen-Dorf wie Bell als Hochburg galt, ist das die eigentliche Zahl. Auf der Abschlusskundgebung sprachen August Dahl und Gerhard Lorenz für die Hunsrücker Friedensbewegung, dazu die Mainzer Theologieprofessorin Luise Schottroff, Horst Klaus vom DGB und der Zukunftsforscher Robert Jungk; Udo Lindenberg und Hannes Wader spielten.

Die Bühne der Großdemonstration mit Transparenten, davor dichtes Publikum
Die Bühne. Auf dem Aufbau daneben: „Keinerlei Militäranlagen auf dem Gosberg im Hunsrück und anderswo – wehr dich, sei ungehorsam.“
Bildcollage von der Großdemonstration am 11. Oktober 1986: Bühne, Menschenmenge, Kreuze auf dem Friedensacker, Demonstrant mit Raketenattrappe
Hasselbach, 11. Oktober 1986. Links unten der Friedensacker: „96 Kreuze für 96 cruise missiles – Symbole der todbringenden Wirkung von Atomwaffen. Frieden für den Hunsrück!“

Warum nichts passierte

Eine Demonstrantin reicht einem Polizisten Blüten, beide lächeln
Eine Demonstrantin schenkt einem Polizisten Blumen. 5.000 Beamte waren im Einsatz – es gab keine einzige Festnahme.

5.000 Polizeibeamte waren im Einsatz, und es blieb friedlich – nicht zufällig. Vertreter der Friedensinitiativen, unter ihnen August Dahl, hatten im Vorfeld Polizeischulen der Region besucht und den Beamten ihr Anliegen und ihr Konzept für den Tag erklärt. Die Polizei wiederum fuhr ein neues Einsatzkonzept: Aufkleber und Informationsblätter für die Demonstranten, mit der Bitte um Kooperation. Die Fachzeitschrift Deutsche Polizei klang in Nr. 11/86 selbst überrascht:

Wer hätte das gedacht? Keine Ausschreitungen, keine Festnahmen, keine Stahlkugeln, kein Wasserwerfereinsatz, kein Demonstrant, der nicht den Kundgebungsort erreicht hätte, keine verletzten Polizeibeamten und keine verletzten Demonstrationsteilnehmer. Die Großkundgebung, an der rund 180.000 Menschen teilnahmen …

Bemerkenswert daran ist die Zahl: dieselbe Polizei, die am Abend auf politische Weisung hin auf „über 100.000“ heruntergehen musste, nennt in der eigenen Fachzeitschrift 180.000.

Weites Feld voller Menschen mit Transparenten und Luftballons bis zum Horizont
Soweit das Auge reicht: das Gelände zwischen Hasselbach und Bell am Nachmittag des 11. Oktober 1986.

Die Mauer danach

Die Betonmauer am Stationierungsgelände war nach der Demonstration über und über beschrieben. „Helmut, jetzt reichts, Hannelore“. „Wir brauchen kein SDI, wir haben schon eine Teflonpfanne“. „Ein freies Land braucht keine Mauern“. „Wir grüßen die Bundesregierung mit einem dreifachen: hau ab!“ Eine geballte Ladung Phantasie gegen die Hochrüstung.

Betonmauer mit Aufschriften: Refuse the Cruise, Der Wende ein Ende, Wir wollen leben
„Refuse the Cruise“, „Der Wende ein Ende!“, „Wir wollen leben“.
Mauer mit Transparenten und Aufschriften, darunter: Hier steht die Schandmauer
Transparente aus Dänemark und aus Barsinghausen: „Wir wollen nicht zu Tode verteidigt werden.“ Daneben: „Hier steht die Schandmauer!“
Mauer mit der Aufschrift Raketen raus und einem Transparent der ÖTV-Vertrauensleute
„Raketen raus“ und der Gruß der „Waldheideblockiererinnen“. Das Transparent kommt von den ÖTV-Vertrauensleuten eines Krankenhauses: „Mehr Zeit für die Kranken, keine Raketen auf den Rampen.“
Mauer mit aufgemalten Leitern und dem Spruch: Da hilft keine Trauer, gebrauch deine Power, steig über die Mauer
Aufgemalte Leitern und eine Aufforderung: „Da hilft keine Trauer, gebrauch deine Power, steig über die Mauer!“

Das bundesweite Echo war durchweg positiv: Bild, FAZ und Süddeutsche Zeitung lobten den friedlichen Ablauf, und selbst die Rhein-Zeitung, deren Verhältnis zu den Friedensinitiativen bis dahin gespannt war, berichtete ausführlich. Zeitungen aus aller Welt griffen den Tag auf. Im Beller Pfarrhaus und im Hunsrücker Friedensbüro stapelten sich die Dankschreiben – die meisten lobten weniger die Demonstration als die Gastfreundschaft der Hunsrücker.

Paradoxerweise war die Friedlichkeit auch der Grund, warum in den Massenmedien vergleichsweise wenig hängenblieb. Über Krawalle hätte man wochenlang berichtet.

Grün überstrichene Mauer, darauf neu geschrieben: Die Wahrheit ist nicht einfach zu überpinseln
Später wurde die Mauer grün überstrichen. Die Antwort stand bald darauf wieder darauf: „Die Wahrheit ist nicht einfach zu überpinseln!“

Fotos: Werner Dupuis, Werner Wanger, Reinhard Sczech

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Zuerst erschienen auf pydna.de (4. Oktober 2026); hier der Teil zur Großdemonstration und zur Friedensbewegung.

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