Zum Tod von August von Dahl
9. November 1942 – 20. September 2026 · Pfarrer in Bell, Stimme der Hunsrücker Friedensbewegung
Karl-August von Dahl, von 1976 bis 1999 Pfarrer in Bell und Leideneck, ist am 20. September 2026 im Alter von 83 Jahren gestorben. Von 1983 bis 1989 lud seine Gemeinde Woche für Woche zum Gottesdienst unter dem Friedenskreuz vor dem Raketenstützpunkt Pydna. Er moderierte die Großdemonstration im Oktober 1986, saß in Blockaden und stand dafür vor Gericht. Die Friedensinitiative Hunsrück trauert um einen Weggefährten, der vielen Menschen im Hunsrück den Mut gegeben hat, den Mund aufzumachen.

„Ich habe da eine Utopie“

1986, im Jahr der Großdemonstration von Hasselbach, erschien im Essener Klartext Verlag das Buch Kriegsvorbereitung im Hunsrück von Sabine Stange, mit einem Vorwort von Robert Jungk. Darin erzählen Menschen aus der Region selbst, warum sie sich gegen die Stationierung der Marschflugkörper stellten. Zwei Beiträge stammen aus dem Beller Pfarrhaus: Jutta Dahl schrieb „Das Paradies hat Sprünge“, August Dahl „Ich habe da eine Utopie“.
Wer verstehen will, was ihn angetrieben hat, findet dort die genaueste Auskunft – von ihm selbst, mitten im Konflikt. Die Zitate folgen dem Wortlaut und der Rechtschreibung von 1986.
Wuppertal: ein Atlas, ein Finger, eine Frage
Dahl wuchs in Wuppertal in einer Arbeiterfamilie mit fünf Kindern auf. Prägend war der bergische Pietismus, eine Frömmigkeit, die, wie er es beschrieb, „danach fragt, welche Dinge passieren nach Gottes Willen hier in dieser Welt und wo ist der Einzelne in seiner Verantwortlichkeit gefordert“. Der Vater war im Krieg in der Sowjetunion gewesen; erst spät, über einem Schulatlas, begann er davon zu erzählen. Die Kinder fragten weiter. Dahl rechnete sich der Generation zu, „die ihre Lehrer in den Herzinfarkt getrieben hat mit Fragen wie: Was habt ihr denn gemacht damals, als die Nazis an die Macht kamen?“ Dazu kamen ab 1966 die Studentenbewegung und der Vietnamkrieg. Am Ende stand ein Satz, der alles Weitere erklärt:
Durch all diese Dinge, die da zusammenkamen im Laufe der Zeit, ist bei mir eine Prägung entstanden: Mißbrauch gegen Menschen? Nie wieder, egal, an welcher Stelle!
Vom Parteibuch zum Doppelbeschluss
1968 trat Dahl in die SPD ein – Brandt als Kanzler, Heinemann als Präsident, „Mehr Demokratie wagen“. 1980 gab er das Parteibuch zurück. 1976 war die Familie aus Essen, wo er Gefängnispfarrer gewesen war, nach Bell gekommen; auch seine Frau Jutta war ordinierte Pfarrerin. Gemeinsam arbeiteten sie sich in die Nachrüstung ein:
Diese überschnelle Pershing II, diese Cruise Missile, wurde uns klar, bedeuten nicht die Einleitung einer neuen Aufrüstungsrunde, sondern, ob wir das wollen oder nicht, die ständige Drohung des Weltuntergangs.
Gemeinde unter dem Friedenskreuz
Am Haupttor des Stationierungsgeländes stand ein vier Meter hohes Holzkreuz. Dort fand seit 1983 jeden Sonntag ein ökumenisches Friedensgebet statt, gehalten von Jutta und August Dahl zusammen mit dem katholischen Pfarrer Vogt aus Kastellaun. Das Presbyterium der Kirchengemeinde Bell erklärte es einstimmig zum offiziellen Sonntagsgottesdienst. Aus einem kleinen Häuflein wurde eine große Gebetsgemeinschaft – eine „Gemeinde unter dem Friedenskreuz“, wie Dahl sie nannte (mehr zum Friedensgebet).
An Ostern 1984 wurden auf dem Acker der Landwirtin Lore Kneip an der Hunsrückhöhenstraße 96 Kreuze aufgestellt – eines für jede Rakete, die hier stehen sollte. Der Friedensacker wie das Stationierungsgelände gehörten zu seiner Kirchengemeinde. Dahl nannte die Kreuze „ein Zeichen des Lebens und der Hoffnung gegen den Tod“. 18 Mal wurden sie herausgerissen oder zerstört, 18 Mal wieder errichtet (mehr über den Friedensacker).

Das Kreuz ist für uns zum Lebenszeichen geworden, weil die Liebe, den Menschen nahezubringen, durchgehalten hat bis zum Foltertod am Kreuz. […] Und weil Gott in der Ostergeschichte gegen diesen Tod protestiert, protestiert er gegen alle Tode, gegen jedes Kreuz, das irgendwo auf der Welt irgendjemand zu tragen hat. Deswegen steht es auf unseren Friedhöfen, und deswegen stehen oben auf dem Acker an der Hunsrückhöhenstraße sechsundneunzig Kreuze und an der Ecke der Baustelle drei Kreuze und oben am Tor zur B-Battery das große Friedenskreuz.
„Politik gehört nicht auf die Kanzel“
Als Dahl die Friedensfrage in den Mittelpunkt seiner Predigten stellte, sagten die einen, er spreche ihnen aus dem Herzen. Andere sagten: „Unser Pfarrer im Dritten Reich, der hat auch so gesprochen.“ Einer seiner Vorgänger war Mitglied der Bekennenden Kirche gewesen; auf einmal erzählten die Leute, dass die Gestapo in der Kirche gesessen hatte. „So fügte sich die Auseinandersetzung um die Raketen an an die Auseinandersetzung um den Glauben hier im Dorf vor vierzig Jahren.“
Sein Reden verstand er nicht als Privatsache, sondern als Amtspflicht – stellvertretend für die, die sich das nicht leisten konnten:
Ich empfinde diese Tatsache, daß ein paar tausend Leute jeden Monat ihre Kirchensteuer zusammenschmeißen, damit meine Familie und ich davon leben, als Verpflichtung, Position zu beziehen zu den Raketen. Jemand, der bei der Bundeswehr arbeitet, hat nicht die Möglichkeit, so offen zu reden wie ich […].
Und er warnte die eigene Seite vor Ungeduld: Um wirklich die Meinung, das Grundverhalten von Menschen zu ändern, „dazu braucht es mindestens zwei bis drei Generationen. Das ist eine Sache, die heute immer noch zu wenig gewußt wird, auch in der Friedensbewegung.“




Großdemonstration, Blockade, Gericht
Bei der Großdemonstration am 11. Oktober 1986 moderierte Dahl die Abschlusskundgebung auf dem Marktplatz bei Bell (Historische Aufarbeitung der Großdemo). Auch an den Sitzblockaden vor dem Tor der Raketenstation beteiligte er sich. Am 8. April 1987 stand er deswegen mit drei weiteren Angeklagten vor dem Amtsgericht Simmern – und nutzte die Verhandlung für eine denkwürdige Demonstration gegen den atomaren Wahnsinn. Den Richter fragte er, ob eine vorher angekündigte Sitzdemonstration „wirklich in erhöhtem Maße sittlich zu missbilligen“ sei, und fügte hinzu: „Für einige Minuten diesen Wahnsinn aufgehalten zu haben? Das soll verwerflich sein?“

Das Gericht verurteilte ihn wegen Nötigung zu 30 Tagessätzen à 70 DM. Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts wurde er – wie die übrigen Blockadeteilnehmer – später rückwirkend freigesprochen. Mehr dazu: August Dahl vor Gericht (mit dem Zeitungsbericht der Hunsrücker Zeitung vom 10. April 1987) und Historische Aufarbeitung PYDNA-Blockade.
Es hatte seinen Preis: 1984 wurden die Verträge der Dahls als Religionslehrer an den Schulen in Kastellaun nicht verlängert, auch sein Vertrag an der Krankenpflegeschule in Simmern lief aus. „Von offizieller Seite hat natürlich nie jemand gesagt, daß es wegen unseres Friedensengagements ist“, schrieb Jutta Dahl 1986.
Der Spitzname, den ihm seine Gegner gaben, wurde zum Markenzeichen: „Raketen-August“. Der CDU-Landtagsabgeordnete Walter Mallmann sagte 1986 dem Spiegel: „Ohne diesen Pfarrer gäbe es niemals solche Unruhe bei uns. Der hat die Leute mobilisiert.“ Horst Petry hat es freundlicher gesagt: August Dahl „hat den Menschen die Angst davor genommen, sich politisch zu engagieren“.




Die Utopie
Sein Text von 1986 endet nicht bei den Raketen, sondern bei einem Gedankenexperiment, das er selbst für verrückt hielt und trotzdem aufschrieb:
Ich habe da eine Utopie, die vielleicht verrückt klingt: Durch die vielen Kriege, die wir geführt haben, ist das ungeheure Organisationstalent der Deutschen weltweit anerkannt. Mit Schrecken riefen alle Völker: „Die Deutschen kommen!“ Nun wäre es ja vielleicht möglich, daß dieses Organisationstalent eines Tages umgelenkt würde, so, daß die Leute geradezu darauf warten, daß die Deutschen kämen – wegen ihres Organisationstalentes, bei Flutkatastrophen beispielsweise, Erdbeben oder sonstigem. […] Dann möchte ich das Land sehen, das uns politisch erpreßt oder militärisch bedroht. Aber das erfordert Mut.
Danach
Das Friedensgebet vor dem Tor ging bis 1989 weiter. Jutta Dahl erhielt 1988 gemeinsam mit Superintendent Werner Sanß als erste Preisträgerin den Aachener Friedenspreis. August Dahl bekam 2002 die Verdienstmedaille des Landes Rheinland-Pfalz und 2009 die Staatsmedaille für besondere soziale Verdienste. In Edgar Reitz’ Heimat 3 spielte er 2002/03 den Pfarrer von Schabbach – sich selbst.
Nach seiner Beller Zeit war er unter anderem Diakonie-Pfarrer im Kirchenkreis Simmern-Trarbach, von 1993 bis 1999 Mitglied der Landessynode, Mitbegründer der ökumenischen Notfallseelsorge und von 1998 bis 2018 Landespfarrer der Johanniter-Unfall-Hilfe. 2015 gehörte er zu den Gründern der Syrienhilfe Vorderhunsrück. Gefragt, was Freiheit für ihn bedeute, antwortete er 2018 im SWR:
Wirkliche Freiheit ist immer auch gefährlich, weil sie mich in die Verantwortung stellt!
Superintendent Markus Risch schrieb in seinem Nachruf: „Karl-August von Dahl war dabei stets gradlinig und profiliert, ohne dabei die Liebe zu den Menschen zu verlieren.“

Filme
Aus dem Filmarchiv der Hunsrücker Friedensbewegung. Ein Klick lädt das jeweilige Video von YouTube; es startet an der Stelle mit August von Dahl. Sein Kurzporträt und das ganze Interview stehen auch bei den Hunsrücker Zeitzeugen.
In Erinnerung

† 20.09.2026

August von Dahl ist auch in unserer Galerie der Erinnerung vertreten.
Quellen und Weiterlesen
- Sabine Stange: Kriegsvorbereitung im Hunsrück. Mit einem Vorwort von Robert Jungk. Klartext Verlag, Essen 1986 – darin August Dahl: „Ich habe da eine Utopie“, Jutta Dahl: „Das Paradies hat Sprünge“.
- Zum Tod von August von Dahl und „Ich habe da eine Utopie“ – pydna.de, September 2026
- Evangelische Kirche trauert um Karl-August von Dahl – Nachruf des Kirchenkreises Simmern-Trarbach
- Nachruf der Evangelischen Kirche im Rheinland
- Kirche im SWR, 2018
- August Dahl – Wikipedia